überspringe Navigation

Manchmal führt der Zufall Regie und so haben sich meine Blicke auch wieder einmal auf den 55PLUS backstage Blog gerichtet. Shame on me war mein erster Gedanke. Zwischen meinem letzten Eintrag und dem heutigen ist nicht nur eine Menge an Wasser über Rhein, Donau, Po und wie sie auch alle heissen mögen, geflossen, sondern wir haben unzählige Filmbeiträge produziert. Manche haben uns in entfernte Länder geführt, die wir Mitteleuropäer uns völlig anders vorstellen, als sie in Wirklichkeit sind. Die meisten Beiträge haben wir indes im so genannten Donau-Alpe-Adria-Raum gedreht.

Alle Erlebnisse aufzuzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Und auch sein Thema, Die Zeit der Filmemacher, verfehlen.

Und daher möchte ich hier, stellvertretend für die zig anderen Filmbeiträge, den über Armenien hervorheben. Als wir von der armenischen Agentur Imega Tour & Travel eingeladen wurden, über Hayastan, wie das Land dort genannt wird, einen Beitrag zu gestalten, haben wir uns natürlich vorab schlau zu machen versucht. Kriege, Konflikte, Erdbeben, Genozid, Ex-Sowjetunion. Das waren die dominierenden Themen. Schöne Einstimmung auf eine ungewisse Reise in den Kaukasus. Man weiss ja nie, womit man vor Ort in völlig fremden Kulturkreisen konfrontiert wird. Kneifen gibt es aber nicht. Also ab ins Flugzeug (Direktflug mit AUA von Wien nach Yerevan) und mit leichtem Kamera Equipment auf in den Osten.

Jeder von euch wird eine ganze Sitzreihe für sich alleine haben, flüsterten uns ein Paar Kollegen einige Tage vor dem Abflug zu. Keine Destination, die Leute anzieht. Falschmeldung, wie sich schnell herausstellte. Von wegen eine Sitzreihe ganz alleine belegen. Die Maschine war bis auf den letzten Sitzplatz belegt. Und eine nette Stewardess sagte uns, dass das jetzt ganz normal sei. Aha. Wir waren also sehr gespannt, was sich sonst noch alles als Finte herausstellen sollte. Und wurden sehr schnell fündig.

Der erste Tag in Yerevan, den wir mit unseren Gastgebern bei großartigem Wetter verbrachten war schon bezeichnend. Kein Ausnahme- oder gar Kriegszustand, keine allgegenwärtige Militär- oder Polizeipräsenz, keine unterdrückten oder verängstigten Menschen, keine Depression, keine augenscheinliche Armut. Ganz im Gegenteil. Uns begegneten muntere, aufgeschlossene Menschen, die sich selbstbewusst und gastfreundlich zeigen, die es lieben auf den prachtvollen Boulevards zu flanieren und die es noch mehr lieben, in den nahezu unzähligen Gaststätten großartiges Essen zu geniessen. Die Intellektuellen, die Künstler, die Studenten. Emsiges Schaffen bei den Händlern. Märkte mit großzügigsten Angeboten frischester Waren zu günstigen Preisen. Was in aller Welt hat man denn da im Westen für Vorstellungen?

Mit den Tagen und Nächten, die man gemeinsam auf der Reise durchs Land verbringt, kommt man sich näher, öffnen sich Gedanken und artikulieren sich Einstellungen. Und irgendwann wird man unsanft an die Informationen zurück erinnert, die man im Vorfeld der Reise erlangt hat. Hass, Rache, Kampf. Was für ein Anachronismus? Tief in den Genen auch durchaus hochintelligenter Menschen ist der Genozid an den Armeniern verwurzelt. Und die Forderung nach Sühne. Und die Adressaten? Türken! Und gemeinsam mit diesen die anderen islamischen Nachbarn. Ausgenommen von diesen massiven islamischen Ressentiments der Armenier sind  die Araber und die Iraner, die sie sogar zu ihren Freunden zählen. Jaja. Das ist irgendwie alles harter Tabak für Leute wie uns, die in einem nichtkriegerischen Westeuropa mit allen Freuden der sozialen Marktwirtschaft und in relativer Eintracht mit ihren Zeitgenossen aufgewachsen sind. Und auch genau aus diesem Grund ist es für uns auch schwierig, sich in die Lage und Gedankenwelt zum Bespiel der Armenier zu versetzen und zu verstehen, warum es in diesen wunderbar gastfreundlichen, kunst- und kulturbeflissenen, international erfolgreichen Menschen, derartige Funken sprüht, wenn die Rede auf die Gräuel der Vergangenheit und deren Verursacher kommt.

Nur was machen? Filme! Der Film ist für mich ein Brückenbauer. Kein Heiler vergangener Wunden, sondern ein Weichensteller für die Zukunft. Das Artikulieren von Gedanken in bewegten Bildern in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen könnte, richtig angewandt, Gräben überwinden. Das Schöne, das Lebenswerte, das Einzigartige auf beiden Seiten möglichst vielen Menschen nahebringen, ist die Devise. Die eigene Tradition leben und die andere respektieren sind weder Widersprüche noch Verrat an der eigenen Sache, wie uns manche egozentrische Redner gleich welcher Nationalität weismachen wollen. Der Film könnte das veranschaulichen. Und tut es auch. Bezeichnend ist halt leider, dass Dokus, in denen Nationalitäten überschreitender  Genuss und Lebensfreude, mitunter in genialen Bildern dargestellt, für die Broadcaster meistens Quotendesaster sind und in den Medien das Urgesetz “just bad news are good news” nach wie vor Gültigkeit hat. Was liegt also näher, als selbst die Videokamera in die Hand zu nehmen? Plattformen wie YouTube sind ja prädestiniert dafür. Jeder kann Filmemacher werden und zu einem friedlichen Miteinander beitragen. Schon heute werden täglich weltweit Millionen an Videos hochgeladen. Ein Mobiltelefon reicht bereits aus, eine kurze Filmsequenz ins Netz zu stellen. Qualität? Man wird wohl keinen YouTube und Co-Filmemacher an der (film)technischen Qualität seiner Beiträge messen. Wäre sinnlos und themenverfehlt. Denn es geht dabei um etwas ganz anderes. Um den koexistentiellen Austausch der Kulturen. Und im professionellen Bereich sorgen wir für den Feinschliff. Die Zeit der Filmemacher ist gekommen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.